„Pay the rent“: Erkenntnisse aus Amerika für die Rundkapelle

In New York steht eine der ältesten Kirchen immer wieder auf. 16 Tipps für Kirchenführer im spirituell-religiösen Transformationsprozess

Von Klaus Nelißen

Und sie wird wieder auferstehen: Die Middle Collegiate Church an der Ostseite der Second Avenue, zwischen der 6th und 7th Street. Diese besondere Kirche  hat dieselben Nehmer-Qualitäten wie die Stadt, in der sie sich befindet. New York steht immer wieder auf, nach jeder Krise. Und als am 5. Dezember 2020 die „Middlechurch“ vollständig ausbrannte, da trösteten sich die New Yorker tags drauf mit der Botschaft: Die Freiheitsglocke, mit der in Manhattan 1776 die Unabhängigkeit eingeläutet worden war, sie hat das Feuer überlebt; sie wird einst wieder läuten. Dieser Optimismus trägt die Kirchengemeinde, die wie das Kirchengebäude selbst zu den ältesten der USA gehört, auch durch die jetzige Phase der Wiederaufbauplanungen.

Aber vielleicht wäre dieser Wiederaufbau gar nicht nötig gewesen, hätte nicht 35 Jahre zuvor ein viel wichtigeres „Revival“ stattgefunden. Denn: Der Kirchbau in einer der teuersten Wohnlagen der Welt hat nur seinen Wert, wenn darin eine lebendige Gemeinde beheimatet ist. Und dass die „Middlechurch“ im Herzen New Yorks wieder zu einem Ort wurde, „where old time religion gets a new twist“, so der Titel eines Artikels aus der “New York Times” im Jahr 1996, das verdankt sie Reverend Gordon Dragt. 

An drei fürchterlich kalten Wintertagen zwischen den Jahren 2003 und 2004 lernte ich Dragt kennen bei einem Workshop zum Thema „Arts Ministries in New York“. Der quirlige und vor Einfällen sprühende Geistliche der „Dutch Reformed Church“ erzählte uns Studierenden der Graduate Theological Union aus Berkeley in Kalifornien, wie er es einst geschafft hatte, die Gemeinde zu „drehen“. Diese drei klirrend kalten Tage gehören zu den intensivsten Lehrstunden in Sachen „Kircheninnovation“ meines Lebens. Auf seiner, etwas in die Jahre gekommenen, Homepage hat Gordon Dragt die 16 wichtigsten Tipps für kirchliche Transformations-Akteure aufgestellt. Am Ende des Textes finden sie sich in deutscher Übersetzung. 

Die „Währung“, mit der die Kirchensteuer zurückgezahlt wird, ist in erster Linie: gute Seelsorge

Vier Erkenntnisse dieses Pastors, der es schaffte, die Gemeinde zu entwickeln von „fünf alten Mütterchen“ hin zu Gottesdiensten, die wegen Überfüllung geschlossen sind, scheinen mir besonders erwähnenswert mit Blick auf die Altenfurter Rundkapelle. Diese macht dank des Einsatzes Ehrenamtlicher für ihren Erhalt Schlagzeilen, die auch im Norden Deutschlands, in Köln, gelesen werden. Und die Rundkapelle könnte stehen für ein Musterbeispiel von Transformation eines deutschen Kirchortes; „where old time religion gets a new twist“

Die Bausubstanz und die „Engagement-Substanz“, die sich in den vergangenen Monaten offenbarte, sind offensichtlich vorhanden. Jedoch braucht es für diese Transformation Führung, Visionen und diesen gewissen Optimismus, der einer Gemeinde wie „Middlechurch“ inhärent ist – und der im Grunde urchristlich, weil österlich, ist. Selbstmitleidige Kirchen-Depressionen können sich nur Kleriker und Hauptamtliche leisten, die gut bezahlt sind durch eine sichere  Kirchensteuer. 

Doch zurück zu Gordon Dragt. Der wusste 1985 auch aus Gründen des Broterwerbs: In dieser Kirchengemeinde muss sich etwas ändern, sonst kann ich mein Pfastorengehalt nicht finanzieren. Und so erzählte er in jenen bitterkalten Wintertagen im Jahr 2003 von einer Vision, mit der alles begann. Kurz nachdem er nämlich zugesagt hatte, die Pfarrstelle anzutreten, habe er mit einem „viel zu zuckerigen Donut“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden und auf das Kirchengebäude gestarrt. „Ob es am Zucker lag, ich weiß nicht: Jedoch sah ich plötzlich nicht nur eine Kirchentür auf die Straßen Manhattans führen, sondern mehrere – für jeden, der vorbei ging, eine eigene.“

Dragts Handeln der weiteren Jahre war davon getrieben, die starken, altehrwürdigen Kirchenmauern möglichst durchlässig zu machen für verschiedene Menschen der Umgebung. So schuf er „Kirchentüren“ für die Künstlerinnen und Künstler, die in Greenwich Village eine lebhafte Szene bildeten. Er öffnete die Kirche für die Bedürftigen, besonders für die Betroffenen der damals aufkommenden HIV-Pandemie. Er bezahlte seine Kirchenmusiker, sogar jeden Chorsänger, weil er wusste: eine exzellente Musik zieht spendenfreudige Gottesdienstbesucher an – manchmal mehr als ein exzellent predigender Pastor, was Dragt zweifelsohne ist. Es würde den Rahmen sprengen, alle „Stellschrauben“ zu benennen, an denen Dragt drehte – jedenfalls ist die oben zitierte „New York Times“-Schlagzeile, die zehn Jahre nach seinem Amtsantritt erschien, der Beweis dafür, dass die Gemeinde wieder florierte. Die „Religion der alten Zeit“ (so der Titel eines Gosples) hatten einen neuen Dreh bekommen.

“Drei Innovationen pro Jahr. Mehr hätte mich überfordert und die Gemeinde. Wenn von diesen Dreien eine die Zeit überdauert, dann war es ein gutes Jahr; wenn es zwei waren, war es perfekt.“

Pastor Dragt

Für all diese „pastorale Wiederaufbauarbeit“ ließ sich Dragt überraschend viel Zeit. Das jedoch nicht ohne Strategie. „Drei Innovationen pro Jahr“, verriet er uns Studierenden damals als Geheimnis seines Erfolges. „Mehr hätte mich überfordert und die Gemeinde.“ Und er fügte hinzu: „Wenn von diesen Dreien eine die Zeit überdauert, dann war es ein gutes Jahr; wenn es zwei waren, war es perfekt.“ Kurz: Dragt wusste von Anfang an, dass nicht jede Idee zünden würde. Aber es brauchte den langen Atem wie den Instinkt des Jägers, der weiß, wann er im richtigen Moment abdrückt, um zum Schuss zu kommen. 

Drei Lektionen nahm ich damals aus New York mit zurück nach Deutschland, die nötig sind für einen kirchlichen Transformationsprozess:
1. Man muss eine Vision haben,
2. Die Kirchengemeinde muss anschlussfähig werden zur umgebenden Sozialgemeinde,
3. nötig ist ein strategisch langer Atem für Innovationen.

Aber da war noch eine vierte Lektion, und die hat mich am meisten beeindruckt. Leider wird von dieser Lektion fast nie gesprochen, wenn es um „Kircheninnovation“ geht. Doch vielleicht ist genau sie das Geheimnis des Erfolges von Pastor Dragt und der Middlechurch: „Pay the rent“ – dieser Satz des Reverends hat sich mir eingebrannt. Sie bezieht sich auf die fünf Mütterchen, die anfangs alleine in der Kirche waren, bevor Dragt den Innovationsmotor anschmiss.

Pay the rent – Was sich dahinter verbirgt? „So lange diese fünf Mütterchen lebten, habe ich treu für sie ihren Gottesdienst gefeiert in der Form wie sie es wollten. Das war ich ihnen schuldig. Denn nur dank ihrer Treue zur Middlechurch auch in Jahren der Dürre, war das Gotteshaus überhaupt noch erhalten“, erklärte der Reverend damals. Den neuen Gottesdienst, mit Künstlern, Tänzern, Profi-Musikern für die queere, hippe New Yorker Community, den setzte er anderthalb Stunden später an – was sowieso den Aufstehzeiten an einem Sonntag für dieses Zielpublikum entsprach. 

“So lange diese fünf Mütterchen lebten, habe ich treu für sie ihren Gottesdienst gefeiert in der Form wie sie es wollten. Das war ich ihnen schuldig. Denn nur dank ihrer Treue zur Middlechurch auch in Jahren der Dürre, war das Gotteshaus überhaupt noch erhalten.“

Pastor Dragt

„Es hätte sich rumgesprochen, hätte ich diese fünf alten Damen nicht mit Respekt behandelt. Und das wäre auf mich als Pastor zurück gefallen“, sagte Dragt. Wie Recht er hat: Ein kirchlicher Transformationsakteur ist nie nur eine Führungspersönlichkeit (was unbedingt wichtig ist), er oder sie ist immer auch Seelsorger, Seelsorgerin. Denn die „Währung“ mit der die Kirchensteuer zurückgezahlt wird, ist in erster Linie: gute Seelsorge. Alle Fragen der Verwaltung, der Bausubstanzwahrung, der liturgischen Ordnung sollten nachgelagert sein und orientiert sein an der Ambition, die bestmögliche Seelsorge für die anvertraute Gemeinde zu gestalten. Wer sich dem nicht gewachsen sieht, sollte einsehen, dass es Zeit ist zu gehen. Oder die Gemeinde geht mit der Zeit. 

Und wenn dann eine Gemeinde wieder zurück zu gewonnen werden will, eine Gemeinde wieder aufgebaut werden muss, dann helfen diese 16 Tipps von Reverend Gordon Dragt aus New York. Sie sind hilfreich für alle, die Ihre Kirche erfolgreich neu aufstellen wollen (übersetzt nach https://gordondragt.com/16tips.php):

  1. Dies ist eine Berufung, kein Job.
  2. Seien Sie sich darüber bewusst: Die Reise von hier nach dort wird nicht automatisch oder durch  Kleinmütigkeit ohne Anstrengungen erfolgen.
  3. Seien Sie ein Anführer. Führungskräfte führen.
  4. Machen Sie die Vision groß. Halten Sie die Reise einfach.
  5. Sagen Sie einfach Ja: Wunder von Wachstum, neue Ideen und die Einbeziehung einer größeren Vielfalt von Menschen können dann folgen.
  6. Öffnen Sie so viele Türen wie möglich von der Gesellschaft in die Kirche und in die Gesellschaft hinein von der Kirche.
  7. Geben Sie etwas zurück von der Kirchensteuer: Eine positive Einstellung haben; ein Cheerleader für die Gemeinde sein; und der Aufbau von Beziehungen, Vertrauen und Goodwill werden den Unterschied ausmachen.
  8. Gehen Sie es nicht allein. Es braucht Gefährten, damit die Reise gelingt.
  9. Verwandeln Sie den Gottes-„dienst“ in eine Feier Gottes.
  10. Benutzen Sie die Künste, weil es biblisch ist und weil es funktioniert.
  11. Seien Sie missionarisch und nicht schüchtern.
  12. Führungskräfte müssen auch spirituell wachsen. Regelmäßige Selbstprüfung und spirituelles Wachstum sind von wesentlicher Bedeutung.
  13. Gewöhnen Sie sich daran: Gott segnete das Leben mit Vielfalt, Multikulturalismus, Multirassismus und multisexueller Orientierung. 
  14. Reisen Sie mit leichtem Gepäck: Lassen Sie sich nicht von einer schweren Theologie, Liturgie und Spiritualität belasten.
  15. Einige der besten Hinweise auf transformative Führung finden sich in der Bibel. Jesus ist ein großartiges Beispiel.
  16. Seien Sie auf harte Arbeit, Ausdauer und eine abenteuerliche Reise vorbereitet. Transformationale Führung ist nichts für schwache Nerven.

Klaus Nelißen (42) ist stellvertretender katholischer Rundfunkbeauftragter beim WDR in Köln. Der Pastoralreferent des Bistums Münster studierte ein Jahr in Berkeley, Kalifornien. 

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