Aufbruch in der Alten Kirche

Am Niederrhein ist es gelungen, ein altes Gotteshaus mit Engagement aus der Gemeinde und der Bürgerschaft zu retten. Im Interview berichtet der ehrenamtliche Projektkoordinator Bastian Rütten darüber. Für die Altenfurter Rundkapelle lässt sich dabei einiges lernen.

Herr Rütten, warum haben Sie die „Alte Kirche“ gerettet?

Wer Kirchengebäude rettet, rettet nicht Steine. Er rettet Geschichten und Beziehungen, die weit in die Vergangenheit reichen. Die „Alte Kirche“ ist eine der ältesten Kirchen in der Region hier und stammt aus dem 13. Jahrhundert. Sie hat aber auch eine enorme zeitgeschichtliche Bedeutung. Sie war bis in die 1960er Jahre vom Krieg zerstört. Jugendliche aus Deutschland und Frankreich haben dann angefangen, die Kriegsschäden gemeinsam zu beseitigen. So kam es zu den ersten Jugendgottesdiensten, 1968 erstmals mit Schlagzeug und E-Gitarre in einer Kirche. Heute gehen wir weiter. Wir haben angesichts der viel schwierigeren Herausforderungen, unter denen es in der Vergangenheit gelang, die Kirche zu retten, die Verantwortung, dieses Erbe zu wahren. Deshalb haben wir vor gut zehn Jahren entschieden, das Projekt „GOTT MENSCH KULTUR“ zu starten.

Welche schwierigen Zeiten hat die Alte Kirche durchlebt?

Die Kirche ist zwei Mal gerettet worden mit bürgerschaftlichem Engagement, erstmals im Jahr 1900, als es Pläne gab sie abzureißen und an ihrer Stelle eine größere Kirche zu errichten. Dann nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Kriegsschäden. Deshalb dürfen wir heute nicht einfach sagen, wir haben kein Geld mehr und müssen deshalb eine historische Kirche schließen.

Wir können aber nicht alle Kirchen erhalten.

Wir müssen diese Diskussionen von Lokalkolorit befreien. Es gibt nun mal Kirchen, die sind es wert erhalten und gerettet zu werden. Die erzählen Geschichten über viele Generationen, vielleicht Jahrhunderte. Sicher ist es auch bei anderen Kirchen sehr bedauerlich, wenn sie geschlossen werden müssen. Aber Kirchen aus dem 20. Jahrhundert sind vielleicht weniger erhaltenswert als zum Beispiel kleine alte Dorfkirchen. Künftig werden wir große Kathedralkirchen erhalten, insbesondere Dome, und eben besondere spirituelle Orte. Diese Sakralbauten werden künftig wichtiger sein für die kirchliche Anziehungskraft als unsere klassischen Pfarrkirchen. Ich nenne das immer „Kirche auf dem Hügel“. 

Sind das missionarische Orte?

In einer pluralen spirituellen Gesellschaft sind sie es, ja. Aber nicht in dem Sinn, dass wir so die klassische katholische Pfarrgemeinde vergrößern oder einen etwas brach liegenden Pfarrgemeinderat wieder beleben. Wir werden mit neuen Modellen keine alten Strukturen nähren. Wir sehen die Leute, die dorthin gehen, vielleicht nicht am Sonntag zum Hochamt in der Kirche. Aber wir kommen zu einer Spiritualisierung des Alltäglichen. Wir sehen in unserer „Alten Kirche“, dass dieser Ansatz zu einer wirklich starken Bindung an Kirche führt, zu einer Platzierung von Sinnfragen in der Gesellschaft. 

Wer Kirchengebäude rettet, rettet nicht Steine. Er rettet Geschichten und Beziehungen, die weit in die Vergangenheit reichen.

Worum handelt es sich beim Kulturkirchenprojekt „GOTT – MENSCH – Kultur“ in Lobberich am Niederrhein in der Alten Kirche?

Die Grundidee ist, dass wir den Anspruch haben, dass alle Veranstaltungen immer Anschluss an diese drei Schlagworte haben. Zugleich soll aber eine Offenheit vorhanden sein für viele Ideen. So verstehen wir kirchliches Leben. Wir haben uns bewusst gegen das Wort Kulturkirche entschieden. Es geht nicht darum, Leute in die klassischen Kirchenstrukturen einzubinden.

Gibt es auch Kritik?

Manche fragen schon, was ein Konzertabend mit Gott, Kirche und Pastoral zu tun hat. Erstmals natürlich nichts. Es kann einfach schön sein. Aber aus unserer Erfahrung hat all dies sehr wohl etwas mit Spiritualität und Gott zu tun. Viele Künstler sagen, für sie ist es einfach schon eine spirituelle Erfahrung, in dem Gebäude zu spielen.

Wem gehört die Kirche?

Die Kirche gehört der Pfarrgemeinde. 

Welche Vor- und Nachteile hat es, wenn eine historische Kirche in Kirchenbesitz ist?

Die ganz praktischen Vorteile sind, dass wir sämtliche Strukturen weiterhin nutzen können, angefangen mit der Fachkompetenz des Bauamts. Für kirchliche Gebäude gelten die rechtlichen Baumaßnahmen für Kirchenorte und nicht die für normale Versammlungsstätten. Das erleichtert einiges, hat aber natürlich zugleich immer auch gewisse Nachteile mit Blick auf einen gewissen bürokratischen Aufwand. 

Können Sie die Alte Kirche vollständig ehrenamtlich erhalten?

Wir versuchen weitgehend auf Hauptamtliche zu verzichten, die Rolle von Ehrenamtlichen wird immer wichtiger. Die Alte Kirche wird getragen von einem breiten bürgerschaftlichen Engagement.

Wie lässt sich so ein Projekt finanzieren?

Am Anfang war unsere Spardose, aus Holz geschnitzt in Form der Alten Kirche. Die wurde bei Geburtstagen aufgestellt, statt Geschenken gab es Spenden. Mittlerweile fließen die Spenden aber von alleine. Außerdem gibt es einen Förderverein, der die laufenden Kosten deckt. Die Pfarrgemeinde finanziert lediglich in geringem Umfang die Anliegerkosten. Dazu kommen dann Veranstaltungen, mit den Einnahmen daraus finanzieren wir eine Rücklage für künftige Reparaturen oder Sanierungen. 

Welche Unterstützung gibt es vom Bistum?

Die Alte Kirche gehört leider nicht mehr zu den Kirchen, die das Bistum Aachen finanziell unterstützt. 

Gibt es Überlegungen, die Alten Kirche in einen eigenen Rechtsträger zu überführen?

Derzeit nicht. Kirchenvorstand und Pfarrer haben dem Arbeitskreis Alte Kirche, einem Untergremium des Pfarrgemeinderats, große Kompetenzen übertragen. Zusammen mit dem Förderverein funktioniert das Management der Alten Kirche sehr gut und es gibt keinen Bedarf für Änderungen. 

Bastian Rütten (rechts im Bild) ist ehrenamtlicher Programmkoordinator der Alten Kirche in Lobberich. Hauptamtlich ist er Pastoralreferent im Bistum Münster und arbeitet in der Wallfahrtsleitung Kevelaer.

Interview: Stephan Balling (links im Bild)

Weitere Informationen: altekriche.info

1 Gedanke zu „Aufbruch in der Alten Kirche“

  1. Sehr interessante Anregungen!
    z.B. “…und eben besondere spirituelle Orte. Diese Sakralbauten werden künftig wichtiger sein für die kirchliche Anziehungskraft als unsere klassischen Pfarrkirchen.”
    Ich denke, da könnten auch wir in Altenfurt einiges daraus lernen.
    Zum Erhalt, zur Nutzung noch mehr auf der angegebenen homepage.
    Frage an die Verantwortlichen (Pfarrer, KV, Bistum): Darf man das? Will man das?

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner